Pocitelj
authentizität & geschichte
Hast du genug von den Altstädten in Dubrovnik, Mostar oder Kotor, die zwar superschön sind, aber gleichzeitig irgendwie nicht mehr wie echte Altstädte wirken, sondern eher wie auf alt getrimmte Neubauten (und da ist wohl auch etwas dran, muss man zugeben)? Dann bist du in Počitelj absolut richtig!
Einführung
Das kleine Städtchen an der Neretva wartet mit großer Geschichte auf und wurde dann irgendwie vergessen, so scheint es. Zwar tut sich auch hier etwas, es wird renoviert und 1-2 historische Bauten haben schon einen neuzeitlichen, bustourismusfreundlichen Anstrich bekommen, aber vieles ist hier wirklich noch so, wie man sich eine alte kleine Festungsstadt aus vergangenen Jahrhunderten vorstellt. Dabei nagt der Zahn der Zeit an der Stadt, und vieles, das ihr besichtigt, könnte auch jederzeit zusammenbrechen – so war zumindest mein Gefühl. Aber das trägt umso mehr zum Charme von Počitelj bei!
Schön ist auch, dass in dem kleinen Städtchen immer noch Menschen wohnen und ihrem normalen Leben nachgehen. In den Gassen werdet ihr Hühnern statt Souvenir-Ständen begegnen und von freundlichen Menschen, die in ihren kleinen Gärtchen sitzen, gegrüßt, anstatt ins nächste Restaurant „eingeladen“ zu werden.
Počitelj liegt heute in der Gemeinde Čapljina im südlichen Teil von Bosnien und Herzegowina, nur etwa 30 km südlich der Stadt Mostar, am Ufer des Flusses Neretva. Aus natürlichen Karstformationen herausgehauen, für die die Region Herzegowina bekannt ist, erzählt die antike Stadt ihre Geschichte heute durch die unterschiedlichen Schichten ihrer Mauern – zuerst mittelalterlich, dann osmanisch, dann bosnisch – und ist dadurch zu einem beliebten Tagesausflug aus Mostar geworden.
Kurz: Počitelj ist super und auf jeden Fall wert, einen Nachmittag lang erkundet zu werden!

Geschichte
Počitelj liegt direkt an der Neretva, dessen Tal in früheren Zeiten als einziges den Dinarischen Gebirgszug in Nord-Süd-Richtung durchbrach und die Stadt dadurch zu einem strategisch sehr wichtigen Ort für die Osmanen machte, als diese im 15. Jahrhundert in die Region vordrangen.
Es wird allerdings angenommen, dass die Festung, die auch heute noch über der Stadt thront, bereits 1383 vom bosnischen König Tvrtko I. in Auftrag gegeben wurde. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Počitelj im Jahr 1444. Von 1463 bis 1471 war die ungarische Armee in Počitelj stationiert. Der damalige ungarische König Matthias Corvinus sah, wie der „Vater der Herzegowina“, Herceg Stjepan, die Gefahr einer drohenden Invasion des Gebiets aus dem Osmanischen Reich und ließ Počitelj unter gemeinsamen Anstrengungen weiter ausbauen. Recht sollten sie behalten: Am 19. September 1471 fiel die Festung als eine der letzten Hochburgen des „Landes des Herzogs“ und ging in ottomanische Kontrolle über.
In den folgenden 400 Jahren unter den Osmanen gewann Počitelj weiter an Bedeutung. Die steilen Felsen am linken Ufer der Neretva wurden in mehreren Etappen weiter ausgebaut, indem mehr oder weniger große Stufen in den Stein geschlagen und bedeutende öffentliche Gebäude errichtet wurden: Moscheen, Kuttabs, Imarets, Medressen, Hamame, Gasthäuser und Glockentürme. Eine seltene Kombination aus orientalischem Osten und mittelalterlichem Westen, die auch heute noch die Menschen anzieht.

Nachdem die österreich-ungarische Regierung im Jahr 1878 die Kontrolle über Bosnien und Herzegowina übernommen hatte, verlor Počitelj seine strategische Bedeutung und brach plötzlich zusammen. Während dieser Zeit wurde ein Teil der Mauern am unteren Stadttor abgerissen und die Straße am Ufer der Neretva gebaut. Der Verlust der strategischen Rolle der Stadt wirkte sich jedoch zeitgleich auch positiv auf die Erhaltung der authentischen Stadtstruktur aus, sodass das Gesicht einer Stadt aus früheren Jahrhunderten gut erhalten geblieben ist – Autos oder breite Straßen in der Altstadt gibt es z.B. bis heute nicht. 1971 entwarf die Gemeinde Čapljina den „Plan zur Wiederbelebung der Altstadt von Počitelj“, der den gesamten Komplex der Altstadt von Počitelj schützen sollte. Dieser Plan hatte jedoch während des kroatisch-bosnischen Kriegs in den 1990er Jahren wenig Bedeutung, und Počitelj wurde schwer beschädigt.
Im Januar 2003 wurde das historische Stadtgebiet von Počitelj zum Nationaldenkmal von Bosnien und Herzegowina erklärt, und die Restaurierung wurde begonnen, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Seit dem 1. Februar 2007 ist Počitelj offizieller Kandidat für die Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe.
Sehenswürdigkeiten & Aktivitäten
Gavrankapetanović-Festung
Die Festung Počitelj wurde mit Unterbrechungen zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert erbaut und bildet den ursprünglichen Kern der Stadt. Sie ist das älteste von Mauern umschlossene Bauwerk, an dem zwei Bauphasen erkennbar sind: die ältere, innere Festung (der „Gavrankapetanović“-Turm mit kleinem Innenhof) aus dem späten 14. Jahrhundert und die späteren Zu- und Umbauten mit Verstärkungen aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Nach dem Aussehen der ältesten Teile des Kastells zu urteilen, kann davon ausgegangen werden, dass der kleine Platz unterhalb des Kastells aus einer früheren oder der gleichen Zeit wie das Kastell selbst stammt.
Der Turm kann bestiegen werden, und das ist alles etwas abenteuerlich. Es gibt keine Geländer oder ähnliches, die Treppen sind schmal. Als ich dort war, war ich der einzige Besucher. Oben angekommen, hat man einen schönen Ausblick auf die Moschee, den Fluss und den Rest der Stadt.

Hajji-Alija-Moschee
Die Moschee wurde im Jahr 1563 von einem „Haji-Alija, Sohn des Musa“ erbaut, wie über der Eingangstür zu lesen ist. Im 17. Jahrhundert wurde die Moschee von keinem Geringeren als Sisman Ibrahim Pasha renoviert und wird im Volksmund seitdem auch so genannt. Bemerkenswert ist das in den Steinsockel des Minaretts gemeißelte Ornament. Die Moschee ist bekannt für ihre Akustik. Wie die meisten Kuppelmoscheen in Bosnien und Herzegowina hatte auch diese Moschee einen Längsportikus mit Pultdach, der 1952, als ein Ansatz modern wurde, entfernt wurde. Dabei wurden Elemente von Bauwerken, die nicht zum ursprünglichen Stil des Bauwerks passten und „dazugehörten“, entfernt. Die Moschee wurde in den 1970er Jahren restauriert und 1993 schwer beschädigt, als die Kuppel und das Minarett zerstört wurden. Die Restaurierungsarbeiten begannen erst 2003.
Es ist möglich, die Moschee zu betreten und sie von innen zu besichtigen.

Pashas Tabija Bastion
Das, soweit ich das gesehen habe, komplett durchrenovierte historische Gebäude in der Stadt, wodurch es dann auch zugleich schon nicht mehr mit dem Charme der anderen mithalten kann. Ich verstehe das nicht: Ich habe wirklich nichts dagegen, dass baufällige oder kurz vor dem Zusammensturz stehende Gebäude wieder renoviert werden, aber ich finde nicht, dass man oben auf so einer Bastion Marmorfußböden, massig Glas, Stahl und Geländer verbauen muss, sodass der gesamte Flair zerstört wird. Im Inneren befindet sich noch ein kleines Museum, so wie ich das gesehen habe, aber das war leider geschlossen, als ich da war (vermutlich war ich zu früh).
Clocktower
Der Glockenturm wurde im 17. Jahrhundert von Sisman Ibrahim erbaut. Der berühmte muslimische Reisende Evliya Çelebi beschreibt bei seinem Besuch 1664 in Počitelj auch einen Uhrturm, dessen Glocke „schwerer und klarer als jeder andere in Bosnien und Herzegowina“ läutete und der Legende nach aus Kreta hergebracht wurde. Viele Jahre lang schlug die Glocke die Stunden für Počitelj und hallte vom umliegenden Karstgestein in die Ferne; bei ruhigem Wetter war sie noch in Čapljina und Gabela zu hören und blieb bis 1917 in Betrieb, als die Armee des alten Jugoslawiens die Glocke abnahm und sie einschmolz, um Waffen herzustellen. Später wurde auch die Uhr entfernt. Also ist es jetzt eigentlich ein Glockenturm ohne Uhr oder Glocke, nur ein Turm.
In der Hauptsaison kann der Turm vermutlich auch bestiegen oder besichtigt werden, bei meinem Besuch Mitte Oktober war dieser allerdings geschlossen (wie fast alles an dem Tag 🙁 ).
Kunstkolonie im Gavrankapetanović-Haus
Ich selbst habe der internationalen Künstler*innenkolonie leider keinen Besuch abgestattet, aber ich weiß, dass die Kolonie 1964 gegründet wurde und im Rahmen ihrer Arbeit Künstler aus dem ganzen Land sowie aus der ganzen Welt versammelt. Die Kolonie wurde während des Krieges (1992–1995) verwüstet, aber mit großen Bemühungen 2003 erneuert.
Ihr findet die Kolonie im Gavrankapetanović-Haus, einem Gebäude aus dem 16. und 17. Jahrhundert, das das beste Beispiel für die alte lokale Wohnkultur im Ort ist.
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Unterkunft
Die meisten Menschen besuchen Počitelj als Tagestrip von Mostar aus oder in Verbindung mit einer geführten Tour, die meist Kravica, Međugorje und Počitelj umfasst. Dazu kommt noch die Winzigkeit des kleinen Ortes, sodass Übernachtungsmöglichkeiten direkt vor Ort rar gesät sind. Aber es gibt ein paar Möglichkeiten, und wer ins nicht weit entfernte Čapljina ausweichen möchte, wird auch dort fündig.
Hostel Raza
Direkt in der Altstadt von Počitelj liegt das Hostel Raza, auf halbem Weg zwischen dem unteren Tor und der Haji-Aliya-Moschee. Die Herberge war früher ein Familienhaus und besitzt auf der ersten Etage ein Doppelzimmer und ein Drei-Bett-Dorm, welche sich ein Gemeinschaftsbad und die Küche teilen. Die Küche ist mit allem Notwendigen ausgestattet. Von der Terrasse kann man grillen und dabei den schönen Blick über die Altstadt genießen. Das Ganze bekommt man für zwei Personen schon für unschlagbare 18 €/Nacht. Um zu reservieren, kontaktiert ihr den freundlichen Eigentümer Nedžad am besten direkt per Telefon (+420 776 786 025) oder schreibt eine Nachricht über die Webseite des Hostels.

Riverside Guesthouse
Ein wundervolles Guesthouse, nur etwa 700 m in nördlicher Richtung die Hauptstraße entlang von der Altstadt und direkt am Fluss gelegen. Dies ist wirklich ein schöner Ort, um vielleicht auch mal etwas länger zu bleiben und zu entspannen. Die Zimmer sind relativ spartanisch gehalten und, soweit ich es gesehen habe, gibt es nur zwei, die sich die Wohneinheit im Erdgeschoss teilen – also vielleicht perfekt für Familien. Der absolute Hammer des Riverside ist jedoch die kleine Terrasse direkt am Fluss, die über den schönen, gepflegten Garten und eine Treppe nach unten zum Ufer zu erreichen ist. Wirklich perfekt für einen heißen Sommertag und eine Abkühlung in der Neretva, aber auch für ein romantisches Abendessen oder ein kühles Bier nach einem anstrengenden Sightseeing-Tag.
Hier gehts zur Buchung.
Essen und Trinken
Direkt am Marktplatz gibt es einige Stände von einheimischen Frauen, die neben Souvenirs auch hausgemachte Marmelade, frische Säfte, Honig, Olivenöl und noch einige andere Sachen anbieten, die ebenfalls sehr zu empfehlen sind. Etwas weiter die Hauptstraße in Richtung Mostar hoch findet ihr eine kleine Bäckerei (Pekara), die vor allem für ein klassisches, günstiges Börek (damit meine ich Frühstück) zu empfehlen ist. Zwei Restaurants gibt es auch!
Stari Grad | Bosnisch
Ein typisches bosnisches Café/Bistro/Restaurant direkt unten am kleinen „Marktplatz“, wenn man von der Hauptstraße die Altstadt betritt. Auf der Karte stehen alle bosnischen Klassiker, und es gibt auch eine „Vegetarijanska Plata“. Die Portionen sind üppig und die Preise überraschend günstig, wenn man bedenkt, dass das Restaurant an einem sehr touristischen Ort angesiedelt ist.
Caffe Grill Almir | Bosnisch
Ein paar hundert Meter die M17 in nördlicher Richtung von Mostar befindet sich auf der linken Seite der „Almir Grill“, direkt neben der kleinen Bäckerei. Wen überrascht es, auch hier steht etwa alles auf der Karte, wofür die bosnische Küche bekannt ist, und die Preise sind mit denen des Stari Grads vergleichbar. Auch wenn das Restaurant direkt an der Straße liegt, besitzt es eine schöne Terrasse und lädt zum Verweilen am Fluss ein.
Touren
Wenn ihr eine geführte Tour durch Počitelj machen möchtet – und ich finde, das kann durchaus sinnvoll sein, da das Städtchen doch einige schöne und interessante Geschichten zu bieten hat, die einem sonst verschlossen bleiben würden –, findet ihr Leute, die euch durch die Altstadt führen können, vor allem unten am Eingangstor zur Altstadt und dem kleinen alten Marktplatz. Ihr könnt natürlich auch direkt aus Mostar eine Tour buchen, die euch hin und zurück bringt und eventuell auch noch weitere Orte in der Umgebung ansteuert. Häufig werden dabei Blagaj, die Kravica-Wasserfälle und Međugorje besucht, sodass die ganze Sache zu einer Ganztagestour wird. Die einfachste Art, diese zu buchen, ist über… Getyourguide.com, z.B. diese hier: Get Your Guide-Tour ab Mostar
Transport
Auto
Počitelj liegt etwa 30 km südlich von Mostar und sollte mit allen bekannten Navigationsdiensten sehr einfach zu finden sein. Parken könnt ihr direkt unterhalb der Altstadt, neben der Hauptstraße.
Bus
Počitelj ist so klein, dass es über keine eigene Busstation verfügt. Daher werdet ihr höchstwahrscheinlich kein Busticket nach Počitelj auf den bekannten Internetseiten finden. Aber die gute Nachricht ist, dass ihr problemlos mit dem Bus von Mostar nach Čapljina fahren könnt, wobei ihr direkt an Počitelj vorbeikommt. Sagt einfach dem Fahrer, dass ihr in Počitelj aussteigen möchtet. Etwa 10 Minuten bevor ihr Čapljina erreicht, wird der Fahrer an der richtigen Stelle für euch anhalten. Es gibt im Übrigen nicht so viele Busse nach Čapljina, aber normalerweise fährt einer um 09:30 Uhr und ein weiterer um 11:10 Uhr vom östlichen Busbahnhof in Mostar. Am besten checkt ihr die Abfahrtszeiten noch einmal auf GetByBus, bevor ihr unnötig zum Busbahnhof lauft. Es wird vermutlich nicht möglich sein, Tickets online zu buchen, daher erledigt ihr das direkt am Busbahnhof und plant etwas Zeit ein, um den Schalter der richtigen Busgesellschaft zu finden.
Von Počitelj nach Mostar fährt ebenfalls ein Bus um 11:30 Uhr und ein weiterer um etwa 13:20 Uhr. Das bedeutet, die Abfahrtszeiten gelten ab Čapljina, also in Počitelj etwa 7-10 Minuten später. Um den Bus anzuhalten, stellt euch an die Hauptstraße in Richtung Mostar. Es gibt dort einen gelb markierten Bereich, in dem die Busse anhalten. Achtet auf den Verkehr und winkt dem Busfahrer mit einer nach unten ausgestreckten Hand, leicht zum eigenen Körper hin, wenn der Bus zur grob angegebenen Uhrzeit vorbeifährt. Vertraut mir, das funktioniert problemlos 😉 Die Fahrt von Mostar nach Počitelj und umgekehrt kostet übrigens ca. 5-6 KM.
Wenn ihr den ersten Bus aus Mostar nehmt und den um 13:20 Uhr zurück habt, bleibt euch also gute drei Stunden, um die Altstadt zu erkunden. Das sollte locker reichen!
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